Grußworte

Grußbotschaft des Schirmherrn für den Zweiten Bundeskongress der Räte der Religionen

Der Präsident des Deutschen Städtetages, Oberbürgermeister Burkhard Jung, Leipzig

Die religiöse Vielfalt in Deutschland ist beeindruckend. Das Zusammenleben der Religionen unter dem Dach des Grundgesetzes und der dort verbürgten Religionsfreiheit gelingt weitgehend konfliktfrei. In Einzelfällen wird das Spannungsverhältnis zwischen der religiös-weltanschaulichen Neutralitätspflicht des Staates und der Religionsfreiheit der Bürgerinnen und Bürger aber deutlich erkennbar. Sichtbare religiöse Symbole von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im öffentlichen Dienst, insbesondere im Schuldienst, werden von manchen Bürgerinnen und Bürger als Verletzung des Neutralitätsgebots kritisiert. Das Kopftuch der Lehrerin oder der Verwaltungsangestellten, aber auch die (Nicht-)Teilnahme von Schülerinnen und Schülern am Schwimm- oder Biologieunterricht sind Beispiele, die die widerstreitenden Interessen manchmal fokussiert in das öffentliche Interesse rücken.

Der Staat muss (in der Sprache des Bundesverfassungsgerichts) „Heimstatt aller Bürger“ sein, unabhängig von ihrem religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnis. Diese Idealvorstellung wird manchmal herausgefordert. Einfache Lösungen helfen angesichts der verfassungsrechtlich komplexen Thematik nicht weiter. Die Vielzahl der zu betrachtenden Abwägungselemente, die von der Frage nach der Unausweichlichkeit des staatlichen Lebensbereichs bis zur Frage der tatsächlichen Bedeutungsdimension religiöser Symbole reichen, zeigt, wie wichtig und differenziert ausgehandelt wird, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt bei aller weltanschaulichen Unterschiedlichkeit zu erhalten. Daran sollten wir gemeinsam weiter arbeiten.

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Grußwort der Landesbeauftragten für Migration und Teilhabe Doris Schröder-Köpf, MdL

anlässlich des 2. Bundeskongress der Räte der Religionen: „4 Jahre nach der ‚Flüchtlingskrise‘ 2015: Was tun die Religionsgemeinschaften? Was sollten oder könnten sie tun?“

– Es gilt das gesprochene Wort –

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

zugegebenermaßen kenne ich nicht viele Suren aus dem Koran, aber es gibt eine Sure, die mir einmal eine Bekannte nähergebracht hat. Diese passt sehr gut zu Ihrem zweiten Bundeskongress der Räte der Religionen, der in diesem Jahr Hannover beehrt.

In Sure 5, Vers 48 heißt es: „Und wenn Gott gewollt hätte, hätte er euch zu einer Gemeinde gemacht, einer einzigen. Aber er wollte euch in dem prüfen, was er euch gegeben hat. So wetteifert um die guten Dinge.“

Im Neuen Testament der Christen gibt es ebenfalls eine sehr passende Aussage von Jesus von Nazareth: „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen“ (Joh. 14, 2).

Gottes Ebenbilder sind also nicht die Anhängerinnen und Anhänger einer bestimmten Religion. Und die Religionen sollen „um die guten Dinge wetteifern“.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
es freut mich, Ihnen als Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe die Grüße der Niedersächsischen Landesregierung zu Ihrem Bundeskongress überbringen zu dürfen. Zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Religionen sind hier zusammengekommen, um genau das zu tun, was ich eingangs zitiert habe.

„Wetteifern“ - wie es in der zitierten Sure heißt - das klingt zunächst nach Wettbewerb, nach Sieger und Besiegtem, nach Goldmedaillen und letzten Plätzen. Aber das ist hier nicht gemeint. Hier geht es weniger um das „Eifern“, sondern darum, „mit Eifer“, also mit Engagement, „um die Wette“, also nicht zögerlich oder träge, sondern aktiv nach dem Heil der Welt und der Menschen zu suchen.

Solch ein Wettbewerb setzt in erster Linie voraus, zu wissen, von wo aus die Teilnehmenden starten. Sie müssen deshalb einander kennenlernen, miteinander ins Gespräch kommen, lernen sich zu verstehen, ohne mit allem Unbekannten und Fremden übereinzustimmen.

Wetteifern heißt auch, zunächst einmal einen eigenen Standpunkt einzunehmen, von dem ich ausgehe. Es ist wichtig, erkennbar zu sein und sich zu erkennen zu geben.

Wenn Menschen miteinander zu tun haben, als Familie, als Nachbarinnen und Nachbarn, auf der Arbeit, aber auch in der Politik oder in Wirtschaftsverhandlungen – immer wollen und müssen wir wissen, wo unser Gegenüber steht, was er oder sie vertritt, was ihr oder ihm wichtig ist im Leben, worauf er sich verlässt, was ihr Hoffnung gibt. Beziehungen können nur funktionieren, wenn die Standpunkte der Beteiligten klar sind, wenn sie verständlich und nachvollziehbar sind. Und dann kann es sein, dass wir bestimmte Vorstellungen teilen, aber es kann genauso gut sein, dass wir uns an Einstellungen reiben, widersprechen wollen, vielleicht sogar streiten. Ja, selbst ein konstruktiver Streit ist tausendmal besser, als auf der Stufe von Vorurteilen, Klischees und Stereotypen zu verharren.

Und kaum eine oder einer von uns ist frei davon! Vorerwartungen gibt es nicht nur an Stammtischen oder in den populistischen Publikationen eines Thilo Sarrazin. Wir alle sind ständig in Gefahr, uns in unseren Voreinstellungen bestätigt sehen zu wollen. Und da ist es gut, immer wieder in Kontakt zu kommen, immer wieder das Gespräch zu suchen und insbesondere in der persönlichen Beziehung das Individuelle des Menschen und der Situation zu erkennen.

Die Räte der Religionen sind in meinen Augen Vorbilder für genau dies.

Als im Herbst 2015 in großer Zahl und innerhalb weniger Monate Menschen in unser Land kamen, die Schutz vor Krieg und Verfolgung und neue Lebensperspektiven suchten, haben sich auch die Religionsgemeinschaften gefragt, was kurzfristig getan werden könnte. Moschee-Gemeinden, Kirchenkreise, jüdische Verbände und viele andere haben in ehrenamtlicher Arbeit Obdach geboten, Sprachkurse durchgeführt, Kleiderspenden organisiert, bei Behördengängen geholfen. Mit der Zeit aber wurden tiefer gehende Fragen und neue Herausforderungen sichtbar: Grundsätzliche Sorgen wurden geäußert. Probleme, die zunächst weniger wichtig schienen, nahmen einen größeren Raum ein.

Die Menschen, die in unser Land kamen und weiterhin kommen, sind oftmals mit einer anderen Kultur aufgewachsen, einem anderen religiösen Verständnis und einem anderen politischen Kontext. Bei vielen Einheimischen hat das Befremdung und Sorge ausgelöst. Und diese Sorgen dürfen nicht einfach ignoriert oder kleingeredet werden.

Und an dieser Stelle sind die Räte der Religionen in vielen Städten gute Vorbilder, inwiefern Kommunikation und Dialog über unterschiedliche religiöse und vielleicht auch kulturell bedingte Haltungen, Lebensweisen und Traditionen gelingen kann. Die gemeinsamen Verlautbarungen, das gemeinsame Auftreten gegenüber den kommunalen Akteuren in den Gemeinderäten und Verwaltungen, die gemeinsamen Projekte und Veranstaltungen, in denen Menschen unterschiedlicher Herkunft und mit unterschiedlichen Lebensanschauungen miteinander in Kontakt und dann ins Gespräch kommen – das sind wichtige Schritte auf dem Weg zur Verständigung und zur Integration.

Integration gelingt nur als wechselseitiger Prozess. Und sie funktioniert nur im Dialog. Dabei sind die Probleme offen anzusprechen genauso wie die Erfolge. Geflüchtete und andere Migrantinnen und Migranten sind mehr als nur Bedürftige, die Hilfe brauchen. Sie sind Menschen, die ihre jeweils eigene, individuelle Geschichte haben und ihre persönlichen Sorgen und Hoffnungen mitbringen. Diese Menschen wollen nicht auf Dauer Objekte von Mitleid und Hilfsbereitschaft oder von Skepsis und Angst bleiben; sie möchten selber mitreden und aktiv werden.

Das setzt Bereitschaft zur Veränderung voraus. Und Offenheit, damit wirkliches Ankommen und echtes Miteinander möglich werden. Diese Offenheit und Bereitschaft brauchen beide: diejenigen, die kommen, und diejenigen, die schon da sind. Die Räte der Religionen nehmen diese Herausforderungen der Fremdheit an. Sie benennen klar die Fragen und Fakten, beziehen Position.

Aber das Wichtigste ist: Sie leben den Menschen vor, dass Fremdheit nicht von vornherein eine Bedrohung ist, sondern dass die Begegnung mit Menschen anderer Religion bereichert, dass man aufeinander zugehen kann, ohne das Eigene verleugnen oder gar aufgeben zu müssen.

Manch eine oder einer braucht diese Vorbilder. Und so ist es dadurch an vielen Orten und auf vielerlei Weise schon zu überraschenden und beglückenden Erfahrungen gekommen. Wir, die schon da sind, erfahren, was Geflüchtete mitbringen, wie sie uns bereichern durch ihre Kultur, durch ihre Impulse, durch ihre Persönlichkeiten. Und wir erfahren, was die Menschen, die zu uns kommen, brauchen und dass wir gefragt sind, das Miteinander zu stärken und die Würde aller zu achten.

Aber noch in einem weiteren Punkt setzt die Arbeit der Räte der Religionen einen wichtigen Akzent. Und das ist, die Bedeutung der Religionen und Weltanschauungen für die Menschen im Lande insgesamt deutlich zu machen.

In der öffentlichen Debatte wird ja oft suggeriert, Religion spiele in unserem Land kaum noch eine Rolle. Manche meinen, wenn hierzulande von „jüdisch-christlichen Traditionen“ oder dem „christlichen Abendland“ die Rede sei, seien doch eher kulturelle Traditionen, traditionelle Gepflogenheiten, aber keine eigentliche Religion und Spiritualität gemeint. Andere fordern angesichts von Gewalttaten einzelner aus religiösen Motiven, Religionen sollten in die Schranken gewiesen oder am besten ganz abgeschafft werden. Es mehren sich in unserer Gesellschaft Zweifel, ob die Religionsgemeinschaften überhaupt noch eine ernstzunehmende Rolle spielen oder spielen sollten.

Diese Fragen und Ansichten aber gehen meines Erachtens von zwei grundsätzlich falschen Voraussetzungen aus, nämlich erstens der Annahme, Religion spiele eine immer geringere Rolle im Leben der Menschen, und zweitens der Überzeugung, eine freie Gesellschaft müsse auch eine säkulare, a-religiöse, wenn nicht gar anti-religiöse Gesellschaft sein.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
Ich bin überzeugt: Weder ist Religion in unserer Welt auf dem Rückzug noch dient die Verdrängung von Religion einem freien gesellschaftlichen Klima. Wir müssen und dürfen auch zukünftig mit den religiösen Bedürfnissen der Menschen rechnen. Aber wie Religion gelebt werden kann und wie das Zusammenleben von verschiedenen Religionen gelingen kann, – dafür brauchen Menschen einerseits die Vordenker und Vordenkerinnen sowie Vorbilder unter den religiösen Führungen. Und sie brauchen andererseits die Räume und Gelegenheiten, dieses Zusammenleben zu diskutieren und auszuhandeln.

Räte der Religionen und vergleichbare Initiativen sind wichtige Vorreiter für ein friedliches, konstruktives Zusammenleben.

Für dieses Engagement danke ich Ihnen sehr herzlich!

Ich wünsche Ihrem Bundeskongress einen erfolgreichen Verlauf und eine große Nachhaltigkeit.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.